Da sitz ich also am Balkon und schau hinab ins Tal. Alleine. Gemütlich und in aller Ruhe lass ich Gedanken kommen und gehen. Es gibt zwei Sessel, in einem sitze ich, der andere ist leer. Er lädt ein. Und da überkommt mich ein Schauer. Aus dem Nichts, während ich dasitze und denke, nimmt sie Platz. Ganz ungefragt. Ganz ohne Einladung. Sie setzt sich hin und sie ist schwer. Sie fällt plump in den Sessel und leicht bebt Panik in mir auf. Wir sitzen da, nebeneinander, ich angespannt, elektrisch geladen, will weglaufen, doch bin festgefroren. Die Luft fühlt sich kühl an, eine Brise, die Gänsehaut aufkommen lässt. Mein Atem atmet nicht mehr, ich bin steif, gefroren, eisig, will laufen und doch hält mich etwas. Sie.
Sie nimmt Platz ein, viel zu viel. Sie nimmt all den Raum für sich, obwohl sie kein Wort sagt. Sie ist in der Stille und lauter als jeder schrille Schrei. Doch spricht sie nicht, sie ist nur und lässt da sein, was ich wegdrücken will. Ich wage es nicht, sie anzusehen, will ihre Macht nicht spüren. Da berührt sie meine Hand. Ich erstarre, werde zu Stein und sie flüstert eisig “ich brauch dich”. Ich kann nicht aus, das wars, denke ich. Und in dem großen Gefühl, vor dem ich weglaufen will, atmet mein Körper auf einmal wie von selbst durch. Meine Gedanken sind erfroren, doch mein Geist schaltet sich ein. Frische, klare Luft füllt mich aus. Die Luft bringt eine neue Stille. Die ich mutig breche mit einem “ich brauche dich auch”.
Da legt sich ein Frieden über mich, Ganz aus dem Nichts. Sie lässt mich los, sie ist erschöpft, sie fällt plump in den Sessel. Wie eine leere Hülle. Ich schaue sie an, ich will immer noch losrennen, ich will immer noch die Stille brechen, ich bin immer noch angespannt und die Luft ist immer noch kühl mit ihr neben mir. Wir brauchen uns, hallt es nach in mir. Also bleibe ich, verweile ich und lasse neue kühle Luft in mich hinein. Ich schaue sie an, zum ersten Mal seit langer Zeit. Ein Schauder überkommt mich erneut. Diesmal mit dem Wissen, dass ich nicht vergehe, wenn sie neben mir ist. Wir sind eins. Waren es von Anfang an. Da fühle ich Leichtigkeit. Als ob mein Geist fliegen lernt. Und während ich friere, lächle ich sie an: “Du bist die Angst. Wir brauchen uns.” Sie sieht mich an, schließt ihre Augen. Ich schaue ins Tal und fühle, wie die Luft leichter wird. Ich drehe mich zu ihr, ihr Sessel ist leer. Vielleicht sind wir Freunde geworden.

